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Warum ich auch die Lektüre des Robinson abgebrochen habe

5.5.2012 - 23:05

Weil es auf Erden und im ganzen literarischen Universum keine langweiligere Figur geben kann als Daniel Defoes Robinson Crusoe. Es liegt sicher nicht daran, daß Robinsons Vater aus Bremen stammt.

Man mag es nicht glauben: Robinson, der es zum Synonym, zum Synonym für Sehnsüchte gar!, zum Schlagwort, zur Literaturgattung, zum allem möglichen gebracht hat, nachdem sicherlich auch Sterne, Asteroiden und Mondkrater benannt sind, ist ein erzlangweiliger Mittelständler – und er ist erklärtermaßen auch noch stolz darauf!

Wir halten einen puritanisch-pietistischen Entwicklungsroman in Händen: vom verirrten Heißsporn, der nicht auf den Rat seines mittelständischen, bremischstämmigen Vaters hören mag über den erfolgreichen Entrepreneur in Brasilien zum – Mittelständler. Uah.

Er ist ein kreuzbraver und frommer Häuslebauer. Oder besser: ein Festungsbauer. My home is my castle. Er baut über Jahre hinweg eine Festung zum Schutz gegen Feinde, die es gar nicht gibt.

Ferner ist er die ganze Zeit Gott dankbar: mal für Prüfungen, die Gott im auferlegt hat, dann wieder für das Glück, das ihm auf seiner Insel durch Gott zuteil geworden ist. Er verläßt die Insel dann aber natürlich doch bei der ersten sich bietenden Gelegenheit. (Ich habe mich über den weiteren Verlauf der Handlung durch das hervorragenden Nachwort von Ulrich Greiner ins Bild gesetzt.)

Er versteht sich auf die Vorratswirtschaft und irgendwann auch auf das Flechten von Körben, gar von Sonnenschirmen. Und wie fein es sich trifft: alle seine Kameraden von seinem Schiff ertrinken, selbstverständlich ohne Leichen zu hinterlassen – aber das Schiff selbst, das bleibt ihm noch für eine Weile auf einer Sandbank erhalten, um sich mit dem notwendigsten zu versehen.

Übrigens auch mit einem Hund. Daß der dann nur ganz selten erwähnt wird, wundert mich angesichts der Hundevernarrtheit der Angelsachsen…

Und er liest die Bibel. Und schreibt darüber; viele lange Seiten. Kein Wunder, daß die vielen Raubdrucke, die das Werk sofort nach seinem Erscheinen gefunden hat und gegen die sich Defoe erbittert zur Wehr gesetzt haben soll, den frommen Schwulst ausgemerzt und allein die technisch-abenteuerlichen Passagen wiedergegeben haben sollen.

Swifts Gulliver und Defoes Robinson sind fast zur gleichen Zeit erschienen: 1726 und 1719. Beide sind mir unerträglich. Swifts Werk wegen seiner bitteren, fast bösartigen Verzweiflung, der Robinson wegen seiner monumentalen Biederkeit. (Und natürlich parodiert Swift Defoes Manier.)

Robinson hätte einen so guten Familienvater abgegeben. Aber sexuelle Bedürfnisse hat er natürlich ohnehin nicht. Demnächst wird daher also Freitag auftauchen, um von Robinson belehrt zu werden. Und das mag ich mir wirklich nicht mehr antun.

(Übrigens spielt das in der Karibik, ich dachte früher immer, es spiele im Pazifik.)

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