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Kukuschka

16.9.2012 - 19:06

Zum heutigen 120. Geburtstag meines Ex-Lieblingsschriftstellers Werner Bergengruen eine meiner Lieblingspassagen aus dem „letzten Rittmeister“, ich hatte sie damals im k2 auch schon einmal gepostet. (Und es sei auch hier noch einmal auf das großartige WDR-ZeitZeichen von heute verwiesen – Autor: Hans Conrad Zander.) Der Rittmeister ist ein ehemaliger zaristischer Offizier, den es Ende der 1940 Jahre ins Tessin verschlagen hat. Dort erzählt er oft von früher.

(Schon die Formulierung „trunkenmutwilliges Spiel ums Leben“ ist sooo geil! :mrgreen: )

Oder er [der Rittmeister, K.] berichtete von den mandschurischen Abenden in Dorpat. Dort fanden sich die Studenten zusammen, die als Freiwillige oder als angehende Ärzte am Feldzuge teilgenommen hatten. Beim Essen lag das Stationsverzeichnis der Transsibirischen Bahn auf dem Tisch. Einer verlas es feierlich, und bei jeder Station, von der ein aus Messer und Gabel gebildetes Kreuz anzeigte, daß sie ein Bahnhofsbüfett hatte, wurde zur Erinnerung ein Schnaps getrunken. Nur wenige kraftvolle Männer, so heißt es, sind an diesen Abenden bis nach Chabarowks oder Nikulsk-Ussuriisk gelangt. Oder er sprach von der mandschurischen Sitte, den Schnaps nach Längenmaßen zu bestellen und zu bezahlen. Der ganze Schanktisch, dessen Breite ja bekannt war, stand voller Schnapsgläser. Da hieß es denn Euer Hochwohlgeboren zahlen dreiviertel Arschin oder einen halben Sashen – denn die zehnteilige Maß- und Gewichtsordnung galt ja als hirngespinstig, weil die Franzosen sie in ihrer Revolution erfunden hatten, und so war ihr unter dem kaiserlichen Doppeladler der Zutritt verwehrt. Eine beliebte und oft begehrte Erzählung war auch die von dem sonderbaren und sagenhaften Spiel Kukuschka, zu deutsch «Kuckuck». Doch war es hierfür am schwersten, den Glauben der Einheimischen zu gewinnen, denn das trunkenmutwillige Spiel ums Leben wird kein Mensch italischen Stammes und italischer Gesittung verstehen. Und wie hätte man jenen Leuten, die Rußland und Lermontow nicht kannten, die seelischen Voraussetzungen des Spieles Kukuschka erklären sollen, etwa jenen düsteren und leidenschaftlichen Byronismus, der als romantische Weltverachtung, als Todesbegier, Fatalismus und Renommage eine Zeitlang die russische Jugend und vornehmlich das Offizierskorps beherrschte und in dem sich eine gesamteuropäische Zeitströmung mit Zügen des nationalen Charakters begegnete! Daß auch ich mich für Kukuschka verbürgte, nahmen sie gutartig zur Kenntnis, schienen aber das Obwalten eines heimlichen Einverständnisses zwischen dem Rittmeister und mir vorauszusetzen.

Zu unserer Zeit war das Spiel bereits abgekommen, aber der Rittmeister und ich haben noch alte Herren gekannt, die an ihm teilgenommen hatten oder doch teilgenommen zu haben behaupteten. Man spielte es zu später Stunde, und vor allem wohl in entlegenen kaukasischen und sibirischen Garnisonen. Zwei miteinander durch eine Tür verbundene Zimmer wurden verdunkelt, und in jedem befand sich einer der beiden Spieler. Von diesen war einer mit einer geladenen Pistole ausgerüstet. Aufgabe des andern war es, über die Schwelle der offenen Tür ins Nachbarzimmer zu gelangen. Beim Passieren der Schwelle mußte er «Kukuschka!» rufen, und hier scheint etwas von der zwielichtig-unheimlichen, dem Kuckuck als prophetischem Schicksalsherold von alters her zugeschriebenen Würde sich merklich zu machen. Im gleichen Augenblick hatte der Partner das Recht zum Schuß. Man konnte die Schwelle an der linken oder rechten Türseite, aufgerichtet oder geduckt, kriechend oder springend passieren, und man hatte auch die Wahl, ob man es frontal tun wollte oder in der Diagonale, und ferner, ob die Diagonale nach rechts oder nach links verlaufen sollte. Dem Schützen lag es ob, aus der Art des Rufes Stellung und genauen Ort des anderen zu erraten und danach den Schuß einzurichten. Die an Geistesgegenwart und Entschlußkraft gestellten Forderungen sind um so höher zu bewerten, als dies Spiel nur nach ausgedehnten Zechereien gespielt wurde. Übrigens hat es nicht viel Unglück hervorgerufen, wohl aber manchem Spieler Ruhm eingetragen.

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